Ratten Dichtung und Wahrheit

ratten Dichtung und WahrheitPeter Lieving

Dichtung und Wahrheit
was man über Ratten so alles erzählt
und was letztlich davon bleibt!

Idee, Text, Grafik und Gestaltung von
Peter Lieving 2010
Alle Rechte vorbehalten!

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Ratte ist RatteRatte ist Ratte
Stimmt nicht. Aus der Sicht des Menschen scheint der Spruch „Bei Nacht sind alle Ratten grau!“ durchaus zu stimmen. In Wirklich aber gibt es unterschiedliche Arten von Ratten. In unserem Land haben wir es vorwiegend mit der Wanderratte (Rattus norwegicus) zu tun. Daneben gibt es aber noch die Hausratte (Rattus rattus). Diese ist etwas kleiner, sieht mausiger aus, und kommt nicht ganz so häufig vor wie ihre größere Verwandte. Weltweit gibt es einige weitere Arten von Ratten, die aber in unseren Breiten von keiner Bedeutung sind.
Und worin unterscheiden sich diese beiden Arten? Die Wanderratte ist ein ursprünglich Höhlen bewohnendes Lebewesen, wohingegen die Hausratte eher in den Wipfeln der Bäumen anzutreffen ist. Die Wanderratte ist ein Mischköstler, Fleisch und Gemüse, also fast so wie bei uns Menschen, die Hausratte ist ein reiner Veganer – was nur auf einige Menschen zutrifft. Die festeren sozialen Bande hat die Wanderratte – was sie deutlich vom Verhalten einiger Menschen unterscheidet. Aus diesem Grunde eignet sie sich auch als Haus- und Versuchstier. Auch wenn viele Menschen glauben, dass sie eine Hausratte im heimischen Käfig halten würden, nur weil es vom Namen so schön passte, nein, sie hegen und pflegen im heimischen Kinderzimmer die Wanderratte. Also die Art, die wir innerhalb unserer Städte so eifrig und gleichermaßen aussichtslos zu bekämpfen trachten. Problematisch sind beide Arten für uns. Klar, die Wanderratte, Kanalratte, wird für uns Menschen immer den Vorrang haben. Dennoch dürfen wir ihre kleinere Verwandte nicht aus den Augen verlieren. Auch wenn sie nicht so bekannt ist. Immerhin war sie maßgeblich an der Verbreitung der Pest beteildigt.

 

 Ratten haben eine Frau an der SpitzeRatten haben eine Frau an der Spitze
Stimmt! Wollen wir wirklich mal etwas Außergewöhnliches bei Ratten finden, so genügt ein Blick auf ihre soziale Struktur. Geführt werden sie von einem Weibchen, dem Alpha-Weibchen. Und wer sich im griechischen Alphabet etwas auskennt, der ahnt schon, dass es da wohl auch noch Beta- und Gamma-Tiere gibt. Würde aber niemand so ausdrücken.
Es gibt also das Alpha-Weibchen, das sich einige Männchen erwählt, die ihr nicht nur den Hof machen dürfen, sie dürfen sie auch begatten. Dann gibt es da noch die untergeordneten Weibchen, also die Beta- und Gamma Tiere, die sich ebenfalls paaren dürfen, aber nur, wenn das Alpha-Weibchen es erlaubt. Damit regelt das Rudel seine Geburtenrate. Nun sollte man aber nicht glauben, dass das Alpha-Weibchen die täglichen Entscheidungen für das Rudel trifft. Sie dominiert es lediglich. Und diese Dominanz drückt sie auch schon mal recht ruppig aus. Sie droht, bedrängt, rauft und beißt. Natürlich – und hier erkennt man durchaus, dass wir Menschen uns gar nicht so sehr von Ratten unterscheiden – sind alle untergeordneten Tiere des Rudels darauf bedacht, dem Alpha-Weibchen zu gefallen. Sollte sie jedoch eine Schwäche zeigen, sich eine Blöße geben, so nutzen die untergeordneten Ratten dies schamlos aus und drängen selbst an die Spitze. Warum Rattenrudel von einem Weibchen dominiert werden? Vielleicht liegt hier eine tiefere Weisheit verborgen. Erfolgreich ist dieses Modell auf jeden Fall.

 

 

Dränge eine Ratte nie in eine EckeDränge eine Ratte nie in eine Ecke! Bedrohe eine Ratte nie!
Wissen wir. Nur, haben auch die Ratten Kenntnis von Aussagen dieser Art? Die Frage ist doch, ob die Ratten wissen, wann sie sich durch uns in eine Ecke gedrängt, oder sogar bedroht fühlen müssen? Wie empfindet die Ratte unser Erscheinen? Wie interpretiert sie unser Auftreten? Es ist ja kaum anzunehmen, dass Ratten unsere menschlichen Empfindungen teilen können. Aussagen wie diese entstehen, weil wir die uns umgebende Natur nach unseren Maßstäben beurteilen. Noch bedenklicher, wir verlangen von der Natur, dass sie sich dieser Einschätzung unterzuordnen hat. Ja, so ist das eben mit der Krone der Schöpfung!
Ob Ratten eine aus unserem Blickwinkel heraus gegen sie gerichtete Bedrohung ebenso einschätzen, wir wissen es nicht. Wahrscheinlich ist es so, dass Ratten mit entsprechenden Verhaltensmustern auf Veränderungen ihrer Umwelt reagieren. Diese Muster lassen den Ratten jedoch auch einige Handlungsspielräume frei, was dazu führt, dass Ratten auch durchaus anders reagieren können, als wir Menschen es ihnen zugestehen würden. Ob uns eine Ratte also feindlich gesinnt ist oder einfach nur neugierig auf uns zukommt, liegt stets im Ermessen der Ratte selbst. Solange wir Menschen nicht begreifen, dass wir uns den Tieren um uns herum in einer anderen Art und Weise nähern müssen, um ihr Wesen verstehen zu können, solange werden wir auch weiterhin auf Spekulationen und Mutmaßungen angewiesen sein. Das Wesen der Ratten und der anderen Lebewesen, die diesen Planten mit uns teilen, wird uns so jedoch auch weiterhin verschlossen bleiben.

 

Ratten vermehren sich völlig ungehemmtRatten vermehren sich völlig ungehemmt
Wäre schlimm, wenn es so wäre. Aber der Reihe nach. Das Weibchen bringt zwischen 6 und 12 Junge zur Welt. Dies kann sie mehrfach innerhalb eines Jahres tun. Was sie auch macht. Damit könnte sie es zu einigen zehntausend Nachkommen innerhalb ihres rund dreijährigen Lebens bringen. Und, sie ist ja nicht das einzige Weibchen innerhalb eines Rudels. Klingt nach ungehemmtem Wachstum. Aber auch nur für uns Menschen. Und auch nur, weil wir uns so ungehemmt, ohne Sinn und Verstand vermehren. Ratten sind da anders. Und nicht nur Ratten. Nager unterliegen da natürlichen Regulativen, Fressfeinden, Krankheiten, Nahrungs- und Wohnraumknappheit und anderen dezimierenden Ereignissen. Sie akzeptieren diese Regulative im Gegensatz zu uns Menschen, denn wir setzen uns trotz aller erkenn- und absehbaren Auswirkungen der Überbevölkerung über solche Dinge hinweg. Ratten haben lange vor der Erfindung des Kondoms oder der Pille eine natürliche Geburtenkontrolle eingeführt. Einmal ist es der Stress, den das Alpha-Weibchen auf die anderen Damen ausübt – was sie natürlich nicht einfach so aus Spaß macht -, dann die Auswirkung von Hormonen auf den Nachwuchs, Empfängnisverhütung und Abtreibung in schlechten Zeiten. Dies dient alles der Arterhaltung und dem Schutz der Ressourcen.

 

 

 Ratten sind intelligentRatten sind intelligent
Ratten sind schon ganz schön schlau, jedenfalls für Nager. Sie können durch einen Irrgarten laufen und ein vorgegebenes Ziel erreichen; was jedoch auch einige Tintenfischarten schaffen. Ratten sind halt keine Überwesen. Was sie wiederum sehr sympathisch macht. Nicht auszudenken, was Ratten hier auf unserem Planeten bewerkstelligen könnten, wären sie auch nur halb so intelligent, wie wir Menschen es ihnen andichten. Andererseits scheint ihre Intelligenz für ein Leben auf diesem Planeten derart ausreichend zu sein, dass sie im Einklang mit der Natur leben.
Böse Zungen behaupten, die Intelligenz des Menschen würde letztlich auch zu seinem Untergang führen. Insofern scheinen uns Ratten wieder einmal eine Nasenlänge voraus zu sein. Denn mit ihrer Intelligenz behaupten sie sich schon seit einer sehr viel längeren Zeit auf diesem Planeten, als wir Menschen es jemals tun werden. Doch egal wie! Ob Ratten nun intelligent sind oder nicht, beruht ja auf unserer Einschätzung von Intelligenz. Ob man sich da immer so drauf verlassen kann? Vielleicht verbirgt sich ja hinter der Bewertung der Ratten nur der verzweifelte Versuch, unsere eigene Hilflosigkeit ihnen gegenüber zu kaschieren.

 

 

 

Ratten sind schmutzigRatten sind schmutzig
Stimmt so nicht. Ratten (Rattus norwegicus) sind sehr reinliche Tiere und besitzen einen ausgeprägten Putztrieb. Bedauerlicherweise leben sie innerhalb unserer Siedlungsräume nicht immer unter der Erde, also im Grünen, sondern eben auch in den Kanälen, Kellern und auf den Müllhalden unserer Zivilisationen. Da nützt ihnen auch ihr Putztrieb nicht. Diese ihnen von uns Menschen zugewiesenen Lebensräume wirken sich natürlich auch nicht gerade vorteilhaft auf ihren Ruf aus. Man begegnet ihnen nicht gerade freundlich und sie führen die Rangliste der zu bekämpfenden Lebewesen an.Nicht einmal Tierschützer erbarmen sich ihrer.
Dass Ratten sich in den Abwasserkanälen unserer urbanen Siedlungen aufhalten, liegt nicht ursächlich an ihnen. Sie bevorzugen Höhlensysteme, um sich in ihnen fortzubewegen und darin zu leben. Kanäle sind für Ratten solche Höhlen. Dass Ratten sich auf Müllhalden aufhalten, liegt wohl eher an dem reichhaltigen Angebot, das wir ihnen dort hinterlassen. Rümpfen wir also unsere Nasen über die Lebensgewohnheiten von Ratten, sollten wir zunächst einmal darüber nachdenken, wer den Dreck auf diesem Planeten in der Hauptsache produziert und munter in der Natur verteilt.

 

 

Ratten haben die Pest über die Menschheit gebrachtRatten haben die Pest über die Menschheit gebracht
Nun ja, so ganz kann man sie nicht davon freisprechen. Allerdings waren es nicht in erster Linie die uns bekannten Ratten, Rattus norwegicus (Wanderratte), sondern es war die Hausratte, Rattus rattus. Und auch diese tat es nicht in der durchaus böswilligen Absicht, einen großen Teil der Menschheit auszurotten. Es war eher ein Versehen, eine Verkettung unglücklicher Umstände, wenn mann so will.
Ein Floh – die Art ist hier nicht wichtig – war Träger eines Bakteriums, Yersinia pestis. Diese Bakterie übertrug der Floh nun nicht nur auf seine Ratte, sondern mittels seiner Verwandten auch auf die anderen Ratten im Umfeld. Er tat dies, weil er sich vermehrte und daher auch mehr Nahrung brauchte, also mehr Ratten. Als nun diese so besiedelten und unglücklicherweise auch infizierten Ratten in den menschlichen Siedlungsraum eindrangen, entdeckten der Floh und sein äußerst hungriger Anhang weitere Nahrungsquellen: den Menschen und seine Haustiere. Was natürlich auch den Bakterien eine neue Lebensgrundlage schuf. Und der Anteil der Ratten an der Pest? Nun, sie waren weit mobiler als die Flöhe, weiter verbreitet, verschafften sich Zugang in die Städte und Häuser und übertrugen die Krankheit über ihre Körperausscheidungen und ihre Fressgewohnheiten. Dennoch waren sie nicht die Ursache der Pest. Aber unbeteiligt waren sie eben auch nicht.

 

 

 

Ratten haben einen VorkosterRatten haben einen Vorkoster
Eine sympathische Vorstellung und so menschlich. Aber leider nicht richtig. Menschen sind gerne bereit, andere Menschen zu opfern, wenn es um ihr eigenes Wohlergehen geht. Ratten haben da eine durchaus höhere Entwicklungsstufe erreicht. Außerdem haben Ratten einen ausgeprägten Familiensinn.
Ratten verlassen ihren Nestbau und begeben sich auf die Suche nach Nahrung, oder was sie sonst noch so brauchen. Und wer etwas zu fressen gefunden hat, stopft sich die Backentaschen voll und bringt es mit in den Bau. Wird die mitgebrachte Nahrung für gut befunden, so wird sie auch gegessen.
Die Vorstellung, Ratten hätten einen Vorkoster, erklärt sich wohl aus der Beobachtung, dass Ratten mit dem Fressen aufhören, sobald eines der Rudelmitglieder noch während des Mals stirbt. Man achtet eben auf die Mitglieder seiner Sippe und ist erschrocken, wenn es einen davon erwischt. Ist aber nicht ungewöhnlich innerhalb sozialer Gemeinschaften. Machen auch wir Menschen. Träfe es jedoch einen aus einer anderen Sippe, fiele also jemand in einem Restaurant am Nebentisch tot um, würden wir Menschen seelenruhig weiter essen. Vielleicht noch ein Schnäpschen auf den Toten und weiter geht es. Der andere gehört eben nicht zur eigenen Sippe. Und Ratten verhalten sich ähnlich. Sie sind eben auch ein bisschen menschlich, die Ratten.

 

Wo Ratten sind, sind keine MäuseWo Ratten sind, sind keine Mäuse
Ratten und Mäuse können sich durchaus und gleichzeitig innerhalb eines Gebäudes aufhalten. Die ortsübliche Ratte, die Wanderratte, bezieht als höhlenbewohnendes Wesen in der Regel die Keller eines Gebäudes. Machen natürlich auch Mäuse, sonst würden ja auch unzählige Mäusegeschichten ihrer Unterkunft beraubt. Aber, die Hausmaus (Mus musculus) ist wesentlich kleiner und geschmeidiger als ihre große Verwandte. Leben also beide Nagerarten innerhalb eines Gebäudes, so treffen sie nicht unbedingt aufeinander. Was daran liegt, dass Ratten durchaus größere Bereiche und Verbergeorte für sich in Anspruch nehmen, Mäuse sich aber mit weit weniger Platz zufrieden geben. Damit Ratten in ein Gebäude gelangen können, brauchen sie schon einen Durchschlupf vom Durchmesser einer Klopapierrolle, einer Maus genügen dagegen 4-6 mm. Mäuse können sich also, weil sie ja wissen, dass sie ins Beuteschema der Wanderratte passen, in genau diese engen Bereichen vor ihren größeren Verwandten verstecken und sich über die Versorgungsleitungen, über Zwischendecken und Hohlwände in einem Gebäude ausbreiten. Ratten haben da das Nachsehen. Sie sind einfach zu groß.Wahrscheinlich trifft man deshalb Ratten und Mäuse nur selten am gleichen Platz an.

 

 

 

Ratten fressen AbfallRatten fressen Abfall
Kann man so nicht stehen lassen. Natürlich halten sich Ratten in unseren urbanen Siedlungsräumen auch in der Nähe unserer Abfälle auf. Sie finden in unseren Hinterlassenschaften ausreichend Nahrung um sich und ihre Familie zu ernähren. Wer sich also über ein durchaus starkes und regelmäßiges Auftreten von Ratten aufregt, der sollte zunächst der Vermeidung von Abfällen seine Aufmerksamkeit widmen. Und solange wir dieses nicht tun, sollten wir den Ratten und ihrem Hunger durchaus auch mal dankbar sein. Immerhin sorgen sie auf diese Weise auch für eine Beseitigung unseres zum Teil achtlos weggeworfenen Mülls. Es ist unser eigenes Verhalten, das die Rattenvölker stärker in unseren urbanen Siedlungen anwachsen lässt, als uns lieb ist. Ein geradezu amüsanter Nebeneffekt dieser unabsichtlichen Fütterung ist folgender: Wir konditionieren die eigentlich scheuen Ratten positiv. Aus der Sicht der Ratten muss dies wie ein Akt der Kontaktaufnahme mittels regelmäßiger Fütterung erscheinen. Unser Geruch, unsere Geräusche und schließlich unsere Erscheinung verlieren so nach und nach jegliches Bedrohungspotential. Und die Ratten verlieren so die Scheu und Angst vor uns.

 

 

Ratten zerstören unsere NahrungsressourcenRatten zerstören unsere Nahrungsressourcen
Ein wirklich heikles Thema. Denn so ganz kann man Ratten nicht von diesem Vorwurf freisprechen. In der Tat verunreinigen sie unsere Lebensmittel oder zerstören sie durch Fraß. Und im Verbund aller Schadorganismen bringen sie es hier immerhin auf einen jährlichen, weltweiten Schaden von rund 30% der Welternte (Getreide, Mais, etc.). Was angesichts der rund 900 Millionen hungernden Menschen auf diesem Planeten mehr als erschreckend ist. Darüber hinaus verunreinigen sie auch unser Trinkwasser. Wer nun glaubt, all dies schon einmal in anderer Form gehört zu haben, der irrt nicht. Bedenkt man den Schaden, den wir Menschen jährlich in der Natur anrichten, und betrachtet man, wie verschwenderisch und sträflich wir mit den Ressourcen unseres Planeten umgehen, dann gerät das Zerstörungspotenzial der Ratten und ihrer Verbündeten leicht ins Hintertreffen. Um die hungernden Menschen auf diesem Planeten mit einem Schlag zu ernähren, bräuchten wir lediglich die Produktion von Haustiernahrung, vorwiegend Hunde- und Katzenfutter, einzustellen. Aus ökologischer Sicht besteht kein Unterschied zwischen Haustieren und den Lebewesen, die wir Schädlinge nennen. Und wer sagt, wir könnten auf die Anwesenheit von Ratten verzichten, der möge über diese Worte genau nachdenken. Zum Wohle der Menschheit und zum Erhalt dieses Planeten sollten wir künftig auf einige lieb gewonnene Dinge verzichten. Dies schließt auch den Verbleib von Haustieren mit ein. Haustiere stellen einen überflüssigen Luxus dar, den wir uns leisten.

 

Ratten meiden Bereiche, wo Artgenossen gestorben sindRatten meiden Bereiche, wo Artgenossen gestorben sind
Ein Märchen – fürwahr! Vielleicht war es früher mal so, also vor 100 oder 200 Jahren, dass Ratten den Ort des Ablebens eines Artgenossen für einige Zeit gemieden haben. War aber früher. Ich meine ja, es gibt da einen Unterschied zwischen den Ratten in der Stadt und den in ländlichen Gebieten. Die Ratten in der Stadt verhalten sich nun einmal anders als ihre landlebenden Verwandten. Sie erleben ja auch den Menschen und dessen Lebensraum ganz anders. Licht-, Lärm- und Umweltverschmutzung wirken sich ja auf alle Lebewesen aus. Die Menschen vom Land gehen schon anders miteinander um und haben im Allgemeinen festere soziale Bindungen als die Menschen in der Stadt. Rücksichtnahme und Anteilnahme stehen bei ihnen hoch im Kurs. In der Stadt schlägt die Anonymität zu.
Ratten scheinen sich da nicht anders zu verhalten. Unsere Stadtratten kümmert es nicht wirklich, wenn ein Artgenosse in einer Schlagfalle verendet. Und die Sache mit dem Anzünden einer Ratte, um die anderen fern zu halten, funktionierte vielleicht auf dem Land, aber in der Stadt? Nein. Übrigens ist die Methode ist verboten, was auch richtig ist, denn letztlich würde der Tod eines Artgenossen Ratten nicht abschrecken. Sie haben sich halt viel von uns abgeschaut. Ist nicht ihre stärkste Leistung – Nobody is perfect!

 

 

Ratten mögen unseren Geruch nichtRatten mögen unseren Geruch nicht
Mag schon sein, aber er ist ihnen auch nicht so unangenehm, dass sie dadurch unsere Nähe meiden. Der menschliche Geruch stellte zu einer Zeit, als der Mensch noch keinen Tierschutz kannte, für die Ratten immer auch eine unmittelbare Gefahrenquelle dar. Heute hat sich das aber geändert. Tauchen Ratten irgendwo auf, flüchtet der Mensch. Würden wir aufhören, dabei zu schreien, was für die sensiblen Ohren der Ratten gar nicht angenehm ist, würden sie uns richtig lieben können. Gilt zumindest in den Städten. Ratten leben ja von uns. Wir stellen ihnen ja nicht nur den entsprechenden Wohnraum zur Verfügung, wir versorgen sie ja auch mit ausreichend Nahrung. Nicht so bewusst. Sicher. Unseren Abfall werfen wir schon bewusst auf den Boden, neben die Mülltonne und in die Grünflächen neben unseren Straßen, aber wir tun dies ja nicht um die Ratten zu füttern, sondern weil wir faul, gedanken- und rücksichtslos sind. Diese „Fütterung“ der Ratten hat noch einen Nebeneffekt. Wir konditionieren die Tiere positiv. Dadurch verlieren sie auch die letzte Scheu vor uns. Denn wer etwas zum Essen gibt, kann nicht bedrohlich sein. Die Mär, Ratten würden unseren Geruch und alles was wir berührt haben meiden, stammt wohl von einem Kammerjäger. Die Ratten selbst wissen jedoch nichts davon. Sie wissen nur, wo es nach uns riecht, muss es auch etwas zu essen geben. Und da wir ja reichlich und reichhaltig geben, werden sie sich auch in Zukunft nicht von unserem Geruch abschrecken lassen. Im Gegenteil: Je mehr wir wegwerfen, desto näher kommen sie. Der Beginn einer wunderbaren und innigen Beziehung. Möchte man meinen.

 

Ratten treten in Massen aufRatten treten in Massen auf
Also, es gibt schon eine Menge Ratten, was sich in erster Linie auf das weltweite Vorkommen der Wanderratte bezieht. Und da wir Menschen uns ja gerne in Superlativen ergehen, können wir ja wohl auch nicht anders als immer nur von Plagen zu reden, sobald es um Ratten geht. Natürlich gibt es sehr viele Ratten auf dieser Welt – mehr als Menschen. Wissen wir ja schon – die hohe Geburtenrate. Aber ist das schon wirklich eine Plage? Wahrscheinlich macht es gar nicht die Menge der Ratten, sondern eher das punktuell, massenhafte Auftreten der Tiere, was uns Menschen immer wieder annehmen lässt, wir hätten es mit einer Rattenplage zu tun. Es kann in der Tat vorkommen, dass Ratten sich in einem Bereich massenhaft vermehren. Was aber wiederum nicht ganz ohne unsere Hilfe geschieht. Denn für einen Anstieg ihrer Population brauchen Ratten entsprechend ausreichende Nahrung und Lebensraum. Und beides liefern wir Menschen. Ein zeitlich begrenzter Anstieg von Ratten kann aber auch mit Veränderungen innerhalb angestammter Lebensräumen der Tiere zusammenhängen. Baumaßnahmen im Untergrund unserer Städte können zum Beispiel zu einem Anstieg des für uns Menschen wahrnehmbaren Bestands von Ratten führen – die Nager werden schlicht aus ihren Lebensräumen vertrieben und müssen sich neu orientieren. Dabei können sie schon mal verstärkt in Erscheinung treten. Zahlen, wonach 3-4 Ratten auf einen Einwohner einer Stadt kommen, sind insofern irreführend, als dass niemand die genaue Anzahl der Ratten auf dieser Welt kennt. Außerdem muss man wohl auch bedenken, dass sich Ratten nicht gleichermaßen über unseren Planeten verteilen. Punktuell können so mal mehr, mal weniger Tiere vorkommen. Aber wie viele es wirklich sind, kann wohl niemand sagen.

 

Ratten kommen in der Nacht!Ratten kommen in der Nacht!
Die meisten Menschen glauben fest daran, dass Ratten immer nur in der Nacht in Erscheinung treten. Was bestimmt auch mal so war bevor der Mensch das ausschweifende Nachtleben und die hell erleuchteten Innenstädte für sich erfand. Zu Beginn ihrer Existenz, also zu einer Zeit als die Vorfahren der Ratten – die letztlich ja auch unsere Vorfahren waren – noch die Eier von Dinosauriern stahlen, war es gewiss günstiger sich im Schutze der Nacht zu bewegen. Und irgendwie haben die Ratten sich an die Nacht gewöhnt. Was sich auch in ihrer Physis niedergeschlagen hat. Ratten können kaum Farben erkennen und schwarz-weiß geht so gerade. Tast-, Hör- und Geruchssinn sind sehr gut ausgeprägt. Also gut angepasst für ein Leben in der Dunkelheit. Trotzdem sieht man Ratten auch gelegentlich am helllichten Tag. Was nicht zuletzt auch an uns Menschen liegt. Gerade in den Innenstädten haben wir den Ratten – natürlich gilt das auch für andere Lebewesen – die Nacht gestohlen. Ein Problem, das zunehmend auch andere Lebewesen betrifft. Ein Blick aus dem All zeigt dies in aller Deutlichkeit. Die Lichtverschmutzung unserer Innenstädte. Woher soll die Ratte also wissen, wann die Nacht angebrochen ist? Kann sie nicht. So verschieben sich auch ihre Aktivitätsphasen. Bestimmt auch ein Grund dafür, warum sie uns Menschen immer häufiger begegnet. Was dazu führt, dass wir ihre Präsenz deutlicher und intensiver wahrnehmen. Und so gewinnen wir auch den Eindruck, die Anzahl derRatten würde zumindest zeitweise stark zunehmen. Schlafende Geister soll man halt nicht wecken, oder sie einfach schlafen lassen, wenn sie es wollen. Täte auch uns gut!

 

Ratten kommen durchs KloRatten kommen durchs Klo
Kann schon mal passieren. Aber doch eher selten. In den meisten Fällen erklimmen Ratten die Etagen eines Hauses nicht innerhalb der Rohre, sie klettern außen an den Versorgungsleitungen entlang. Auch wenn uns die Architekten der Welt immer wieder versichern, kein Haus ist dicht, weder von außen nach innen, noch im Inneren. Irgendwo gibt es immer einen Hohlraum, einen Durchbruch, eine Bausünde oder eine sonstige Schwachstelle, die von den Ratten genutzt werden kann. Und sofern es die Ratten für sinnvoll erachten dringen sie über diese Schwachpunkte ein. Ratten, die sich im Keller eines Gebäudes aufhalten, finden irgendwann einmal den Weg über die Versorgungsleitung auch in den Kern eines solchen Gebäudes. Wenn sie es denn wollen. Warum Ratten nun gelegentlich durch eine Toilette in eine Wohnung gelangen mag unterschiedliche Ursachen haben. Vielleicht spüren sie in den Abwasserkanälen einfach nur dem Ursprung der vielen Lebensmittel nach, die der Mensch täglich durchs Klo spült? Vielleicht denken sich die Tiere, wo so viel Nahrung herkommt, da muss es noch mehr geben. Gehen wir der Sache mal auf den Grund. Wiederum darf man auch hier anmerken, dass die menschliche Unachtsamkeit und Nachlässigkeit hier als Ursache eines solch ungewöhnlichen Besuches sind. Rückhalteklappen in den Kanälen, gereinigte und gewartete Rohsysteme und der Verzicht auf die Entsorgung von Nahrungsmittelresten in den Toiletten würden zu einer Abnahme solch unerwarteter Besuche führen. Es liegt also an uns – wie immer.

 

Ratten überleben sogar einen AtomkriegRatten überleben sogar einen Atomkrieg
Ist ja auch kein Wunder. Ratten, aber auch Mäuse, Insekten und viele andere Tiere werden wahrscheinlich die eine oder andere von Menschen ausgelöste Katastrophe überleben. Was nicht unbedingt für das Individuum gilt. Als Folge einer hohen Vermehrungsrate – Nager bringen es da auf einige tausend Kinder pro Mutter, Menschenfrauen nur auf ein oder zwei Dutzend – ist die Wahrscheinlichkeit von Mutationen innerhalb der Nachkommenschaft recht hoch. Anpassungen an veränderte Bedingungen der Umwelt sind bei hohen Geburtenraten einfacher und rascher zu bewältigen. Menschen reproduzieren sich dafür nicht schnell genug. Darüber hinaus akzeptieren Ratten und Co. Veränderungen in ihrem Erbgut, wir Menschen empfinden und bewerten dies als krank und anormal, als nicht lebenswert. Mutationen haben in unserer Welt keine Chance. Da sind uns andere Tiere durchaus einen Schritt voraus. Mutationen in der Tierwelt bekämen eine Chance sich zu bewähren.
Änderten sich also nach einem Atomkrieg oder einer anderen Katastrophe die Umweltbedingungen zum Nachteil der Organismen, so könnten diejenigen Organismen mit einer hohen Reproduktionsrate und einer hohen Anpassungsfähigkeit solche Ereignisse durchaus überstehen. Vielleicht nicht in der gewohnten Form, aber immerhin. Ratten würden uns Menschen also wahrscheinlich überleben. Ob dies aber für die Wander- und die Hausratte gelten würde, wer weiß?

 

 

Mit Gift tötet man RattenMit Gift tötet man Ratten
Nicht alles was Tiere tötet muss auch ein Gift sein. Auch wenn es sich um chemische Wirkstoffe handelt. Sicher, in der Öffentlichkeit wird immer von Ratten- und Mäusegift gesprochen, was die Sache aber nicht richtiger macht.
Der Wirkstoff in Ratten- und Mäuseködern ist ein Blutgerinnungshemmer – ein Antikoagulantz, aus der Gruppe der Cumarinderivate. Derivate sind chemische Varianten eines natürlichen Stoffs. Und dieser natürliche Stoff ist das Dicumarol. Entdeckt wurde er in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Faulender Klee hatte irgendwo auf einer Weide in Kanada zahlreiche Rinder verenden lassen. Sie waren „innerlich“ verblutet. Rasch hatte man den Täter dingfest gemacht: das Dicumarol im Klee. Bald schon erkannte man jedoch auch, dass dieser Stoff durchaus Leben retten konnte, etwa nach einem Herzinfarkt oder Schlaganfall. Heute noch erhalten entsprechende Patienten ein Medikament, das auf den faulenden Klee zurückgeht. Das Marcumar. Und niemand würde hier von einemGift sprechen. Für die Nagerbekämpfung werden modifizierte Verwandte des Marcumar benutzt. Das Wirkprinzip aber ist gleich. Die Fähigkeit des Körpers Substanzen herzustellen, die die Blutgerinnung einleiten wird herabgesetzt, bzw. ganz ausgeschaltet. Die Tiere verbluten „innerlich“. Diese Art der Abtötung ist nahezu schmerzfrei. Die Nager dämmern dahin. Würde auch mit einem Menschen geschehen, nähme er eine Überdosis seines Medikaments. Bei den Nagern verfolgt man jedoch genau diesen Weg. Köder und Wirkstoff sind so ausgelegt, dass die Tiere durch die Aufnahme sterben.

 

Auch Ratten empfinden SchmerzenAuch Ratten empfinden Schmerzen
Natürlich können Ratten Schmerzen empfinden. Ratten sind Wirbeltiere und gehören wie auch wir zu den Säugetieren. Warum sollten sie also keine Schmerzen empfinden können? Die Frage ist, interpretieren sie erlittene Schmerzen so wie wir Menschen? Fügt man einer Ratte Schmerzen zu, so kann man diese als Aktivität in ihrem Gehirn messen. Aber leidet sie auch unter diesem zugefügten Schmerz? Schmerz ist ein individuell zu bewertender Zustand. Die bloße Kenntnis um die Wahrnehmung genügt nicht, um eine Bewertung über die Beeinträchtigung durch den Schmerz für ein anderes Lebewesen abgegeben zu können. Wir kennen das alle. Der eine Mensch geht zum Zahnarzt und lässt sich einen Zahn nach dem anderen behandeln, ohne dass er eine Betäubung braucht. Ein anderer Mensch braucht selbst für den kleinsten Eingriff eine Vollnarkose. Ob Ratten ebenso unter Schmerzen leiden, die bei uns Menschen zu Beeinträchtigungen unserer Lebensqualität führen würden, können wir nicht mit letzter Sicherheit sagen, weil wir die Ratten nicht fragen, weil wir immer auch nur unsere menschlichen Maßstäbe bei der Auswertung solcher Ergebnisse zugrunde legen können.
Die Abtötung von Nagern durch den Einsatz von Blutgerinnungshemmern ist für die Tiere nicht ganz schmerzfrei. Dies zeigten Messungen der Gehirnströme. Aber ob die Nager diese Schmerzen auch als beeinträchtigend empfinden, ob sie unter diesen Schmerzen leiden, kann niemand sagen. Wir wissen nur, dass die Tiere bis zu ihrem Tode Nahrung aufnehmen. Was nicht für empfundene Qualen spricht.

 

Ratten sehen alles!Ratten sehen alles!
Stimmt natürlich nicht. Ratten können kaum Farben erkennen und sehen vorwiegend im schwarz/weiß Bereich. Aber warum sollten sie auch gut gucken können? Schließlich bewegen sie sich ja vorwiegend in der Nacht und in dunklen Höhlen. Sehr gut ausgeprägt ist hingegen ihr Geruchs-, Tast-, Geschmacks- und Hörsinn. Damit erfahren sie ihre und letztlich auch unsere Welt. Ratten gehen zwar nicht blind durch die Welt, durch ihre und unsere, aber sie verlassen sich lieber auf ihre anderen Sinne. Niemand kann natürlich sagen, wie sie unsere Welt mit ihren Sinnen erleben, aber es muss derart komplex sein, dass das Bild ausreicht unsere Welt immer wieder zu erobern und sich darin sicher zu bewegen.
Ratten können die über diese Sinne gewonnenen Eindrücke speichern und wohl auch an nachkommende Genrationen weitergeben. Was auch ein Grund dafür sein kann, dass Ratten gegen sie gerichtete Bekämpfungsmaßnahmen unterlaufen können.
Ratten können uns Menschen schon aus großer Entfernung wahrnehmen, können somit auch auf unsere Anwesenheit reagieren, lange bevor wir sie entdecken. Hierzu werden sie ihren Geruchs- und Hörsinn einsetzen. Ihren Tastsinn werden sie einsetzen um sich selbst in unbekannten Gebieten frei und ungehindert bewegen zu können. Und ihren Geschmackssinn werden sie benutzen um mögliche Nahrung einschätzen zu können. Sie sind an ihre Umwelt perfekt angepasst. Mit allen Sinnen. Was macht es da, wenn sie uns nicht richtig sehen können? Nichts.

 

Peter Lieving 2010